So, jetzt ist es soweit, 7. Mai 2003, Merkurdurchgang.
Der Vortag liess nicht unbedingt Gutes erwarten, denn der Dienstag war schwül
warm gewesen mit erheblichem Dunst in der Luft. Noch eine testweise Beobachtung
gegen 18 Uhr mit dem TAL2 150/1200 zeigte eine milchige,
kontrastarme Sonnenscheibe mit einem matschigen Sonnenflecken in der Mitte.
Schliesslich verdichtete sich der Dunst zu einem wabernden Gemenge,
das teilweise die Sonne gänzlich verschluckte.
Einige Stunden später zeigte ein Blick auf den Mond noch keinerlei Verbesserung.
Wahrlich keine keine besonderen Aussichten.
Hans Bredel hatte sich schon früh festgelegt und per Presse kurzerhand den Kapellenweg
zur öffenlichen Pilgerstätte für Sonnen- und Merkurinteressierte Mitmenschen deklariert.
Ich schloss mich also dieser Intiative an und opferte einen Urlaubstag, um neben
seinem heimischen Refaktor Vixen 110/1500 das TAL2 aufzubauen. Nicht nur um nicht
in Konkurrenz zu treten, sondern einfach weil es mir bei Publikum sinnvoll
erschien, hatte ich am Dienstag noch schnell einen Projektionsschirm 'zusammengenagelt'.
Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellte.
Den ersten Kontakt miterleben wollen bedeutete zeitiges Aufstehen, um - so die Planung -
gegen 7 Uhr zunächst auf dem Schönberg zur Stelle zu sein. Ein abendliches Telefonat mit Hans Bredel
hatte nämlich ergeben dass dieses von seiner 'Sternwarte' aus nicht zu sehen sein würde.
Weit vor dem Schönberg lockte mich in Reichenbach dann jedoch die Aussicht auf einen elterlichen
Kaffee, sodass ich am Nordhang des Gereutertals das TAL aufbaute.
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So scharf war Merkur im Okular zu sehen. In der Sonnenmitte ein Sonnenfleck
Merkur sollte sich also irgendwo 'unten rechts' im Okular zeigen.
Da Teleskope alles auf den Kopf stellen was man ihnen zeigt, sollte Merkur also in Wirklichkeit von Osten
nach Westen die Sonnenscheibe queren, übereinstimmend mit der Bewegungsrichtung um die Sonne,
die alle Planeten, auch die Erde, gemeinsam haben.
Im Gereut zeigte sich kurz vor 7 Uhr - keine Sonne, sondern eine Wolkenbank, die jene verdeckte.
Die Sonne stieg jedoch rasch höher - die Spannung stieg - und erschien schliesslich
um 7 Uhr unverhüllt über dem Dunst.
Ich wusste nicht genau was mich erwartete. Ein schwarzes Fleckchen, kaum zu unterscheiden
von eim Stäubchen auf dem Okuar, oder ein verwaschenes Scheibchen, so ähnlich wie ein
kleiner Sonnenfleck?
Gegen 7.10 Uhr meinte ich am Sonnenrand eine kleine Delle zu entdecken.
Diese fraß sich binnen weniger Minuten in die Sonnenscheibe hinein.
Ein rundes, überraschend grosses schwarzes und kreisrundes Scheibchen.
Da war nichts verwaschen und nichts unscharf.
Die Sonne hatte unversehends einen gleichsam mit dem Locher ausgestanzten Merkur.
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Gisela
Ich blieb noch bis um 7.45, nahm dann den Kaffee in Empfang, und machte mich schliesslich
auf zu H.B. um dort weiter die 'partielle Sonnenfinsternis' zu geniessen.
Oha! Die Fahrt durch das Kinzigtal in Richtung Offenburg zeigte Wolkenbänke an den Hängen
und einen milchigen Himmel. Sollte es jetzt so weiter gehen wie es sich gestern
angekündigt hatte? Ich tröstete mich bereits mit dem Gedanken, ja die ersten beiden
Kontakte erlebt zu haben (1. Kontakt: Merkur berührt von aussen die Sonnenscheibe,
2. Kontakt: Merkur löst sich vom inneren Rand der Sonne und macht sich zur Durchquerung auf)
Nun ja, in Offenburg angekommen, nach einer Geduldsprobe im Berufsverkehr, nach Überwindung
der Offenburger Ewigkeitslichter (Ampeln), nach Durchtunnelung mindestens einer Baustelle,
und dem Beiseiteräumen einer Fahrbahnsperre war zumindest wieder die Sonne zu sehen,
und ein Blick in den Kapellengarten zeigte mir, dass auch Kollege Bredel bereits voller
Zuvericht mit Gästen zugange war.
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Projektionsschirm mit Sonnennabbild

Balance tut not.
Nun sollte das TAL aufgebaut werden, aber mit Projektionsschirm. Letzter schien mir
wohl gelungen zu sein, denn ich hatte ihn recht sauber hingekriegt,
und er hatte eine homogene, strukturlose und wenig spiegelnde, weisse Oberfläche.
Aber dies alles hatte seinen Preis: deutlich mehr Gewicht, als der Tubus auf der anderen
Seite der Polachse dagegenhalten konnte.
Ferner musste auch der Tubus selbst seiner Längsachse entlang ziemlich aus der Balance herausgerückt werden,
um mit der Sonne aus dem Okular den Schirm zu treffen.
Glücklicherweise waren mir gleich mehrere Gäste zur Hand, sodass nach einiger Improvisation zunächst alles im Lot war.
Als Gegengewichte kamen u.a. 2 alte Trafos, sowie ein wohl noch älteres Bügeleisen zum Einsatz.
Man beachte auch die fachmämmische Befestigung der Gewichte an der Fangspiegelspinne. (...)
Schliesslich erschienen auf dem Schim Merkur samt Sonne, einigen Flecken und Fackeln, und der sehr gut sichtbaren
Randabdunkelung der Sonne.
Schön, diese bis zu 30 cm grosse Sonnenscheibe, auf der man herumdeuten konnte ohne
sich die Finger zu verbrennen, und zugleich ein sehr ästethischer Anblick.
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Die Reflektoren

Schade daß Gerhart bald wieder gehen musste.
Wer es genauer wissen wollte, konnte zunächst durch den 76/700 Tchibo-Newton blicken,
der 'wie ein grosser' ein sehr brauchbares Bild lieferte. Es reichte zwar heute nicht
ganz bis zur Sichtbarkeit der Granulation, denn der Himmel war nicht ganz durchsichtig.
Der 11/900 von Gerhart Metzler brachte jedoch das fehlende Quentchen Spiegelöffnung,
um das Geblubbere auf unserer Sonne zu zeigen.
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verschärft: Der Hausherr mit Refraktor und Bino
Den Hauptpreis bezüglich Schärfe und Kontrast steht jedoch eindeutig Hans Bredels Refraktor zu,
welcher mit einem Binokular bestückt so ziemlich das beste bot was ich bislang von
bzw. auf unserer Sonne gesehen habe.
Dieser Anblick vergoldete gewissermassen die
gesamte Merkurstory und wird sich mir ähnlich ins Gedächnis gebrannt haben wie die
Sonnenfinsternis an jenem Augusttag 1999.
Merkur schwebte fast plastisch vor einer Sonnenscheibe, deren Granulation zeitweise wie
eine Strukturtapete oder eine dünne, schwarz unterlegte Styroporplatte wirkte.
Das klingt zwar gänzlich unromantisch, beschreibt aber ziemlich genau die optische Erscheinung.
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Erstaunlich gut: Sonne mit der "Digiknipse" ins Okular geschaut Merkur ist oben links
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im Wissen um die lange Tradition chinesischer Astronomie...

...da geht die Post ab
Den ganzen Vormittag über kamen Interessierte und liessen sich von dem seltenen Anblick
fesseln. Gleichwohl blieb einem jeden an den Geräten genug Zeit, zu verweilen und die
Eindrücke wirken zu lassen.
Zwischendurch hat es sogar Alois Ehret geschafft sich von seiner nahen Baustelle
abzuseilen, und einen Blick in die Röhren zu werfen.
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Alles im legalen Bereich?

alle wollen nur das Eine...
Zweitweilig waren also 4 AVOler da,
an Gästen schätze ich etwa 40 Personen, inklusive Briefträger und Polizei...
Ein Gast liess Grüsse von Jürgen Zittlau ausrichten, daher an dieser Stelle ein 'merci', und: wir waren im Geiste bei Dir, Jürgen, und können uns vorstellen, dass Du gerne dabei gewesen wärst.
Hans und ich haben auch noch fleissig AVO-Flyer verteilt, welche gerne mitgenommen wurden, bekundeten doch mehrere Gäste das Bedürfnis mehr über den AVO erfahren zu wollen; sogar mit einem Eintritt wurde 'gedroht'.
Zwischendurch ging uns einmal kurz die Orientierung verloren, wo genau denn Merkur den
ersten Kontakt mit der Sonne hatte. Aber bald - zur bekannten Mitte der 'Finsternis' -
konnte dies mit Leichtigkeit abgeschätzt werden.
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noch ein Chinese

Welches Okular passt wohl?
Die Beobachtungen wurden eigentlich alle mit schwachen bis mittleren Vergrösserungen durchgeführt, i.d.R. 100fach, sodass mindestens die halbe Sonnenfläche im Okular stand. Alles andere hätte wohl auch den starken Gesamteindruck zerstört.
Aber welche Vergösserung hat man am Projektionsschirm? Mal sehen: Wenn wir, sagen wir,
150 cm Abstand zum Schirm rechnen und ein Sonnenbild von 30 cm auf dem Schirm, dann sind das etwa 11,5 Grad, sprich 23 mal 0,5 Grad (d.i. der wahre Sonnendurchmesser am Himmel), also 23-fach.
So wenig, sieh an.
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Das Baby, oder: billig heisst nicht schlecht

who's that girl?
Der Himmel wurde immer besser, bei Aufkommen von leichtem Wind. Zwar zeigte sich hartnäckiger Cirrus, sowie eine allgemeine Dunstglocke,
die den ganzen Tag nicht verschwinden sollten, aber sonst war es um die Mittagszeit um die Sonne herum fast blau.
Natürlich ist ein tiefblauer, knochentrockener Himmel bis runter zum Horizont etwas TOTAL anderes, aber ich beklage mich ja nicht...
Merkur machte sich nun auf die Socken. Die Bewegung des 'Gestirns' in seiner Umlaufbahn wurden um so sichtbarer je näher es dem inneren Sonnenrand kam.
Schliesslich der 3. Kontakt, und, man ahnt es, 3 Minuten später der 4. Kontakt, der eigentlich gar keiner mehr ist,
denn wo kann etwas ein wo nichts mehr ist ???
Das Verschwinden von Merkur war übrigens ein knackscharfer Übergang, ohne 'Tröpfchenbildung' etc.
Trotz oder als Ausgleich zur Arbeitnehmerfeindlichen Veranstaltungszeit hat uns Merkur ein lehrreiches und unvergessliches Erlebnis beschert.
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